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Reformatorische Netzwerke

Wir verbinden bis heute die Geschichte der Reformation mit Martin Luther, seinem Leben und seinem Werk. Vom Wittenberg, also – wie er selbst sagte, „vom Rande der Zivilisation“ aus – entwickelte er sein theologisches Denken und bestimmte direkt und indirekt den Fortgang der Ereignisse im 16. Jahrhundert in einem solchen Maße, dass etwa der Reformationshistoriker Thomas Kaufmann von einer „analogielosen Autorität, die Luther als Lebender und noch als Toter besaß“ spricht.

Martin Luther ist die „Schlüsselfigur“ der Reformation. Dabei agierte er niemals allein, er hatte immer Freunde und Förderer, Unterstützer und konstruktive Kritiker, es gab Zeitgenossen und Nachgeborene, die für den Fortgang der Reformation ebenso entscheidend sind.  Geprägt hat ihn sicherlich sein väterlicher Freund Johannes von Staupitz (1469-1524), auch wenn dieser sich nicht von der katholischen Kirche abwandte.

Von den Wittenberger Reformatoren ist es sicherlich der hochgebildete Philipp Melanchthon(1497-1560), der für die Entwicklung der Reformation Entscheidendes geleistet hat. Melanchthon ist 1518 auf eine Griechisch-Professur in Wittenberg berufen worden und entwickelt sich zum wohl wichtigsten Kollegen Luthers. Er verfasst 1530 maßgeblich die Confessio Augustana, die die lutherische Lehre zusammenfasst. Mit seinen Loci Communes (Grundbegriffe der Theologie oder theologische Skizzen) von 1521 hat er ein Grundlagenwerk der Theologie geschaffen. Sein besonders Interesse gilt allen Bildungsfragen, nicht umsonst wird er daher auch „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) genannt.

Neben Mitteldeutschland entwickeln sich weitere Zentren der Reformation. Zu nennen ist dabei besonders die Schweiz. Hier ist es Huldrych Zwingli (1484-1531), er wirkt seit 1519 als sog. Leutpriester am Züricher Großmünster und nimmt schon früh die Kritik Luthers am Ablaß oder am Papsttum positiv auf. Zwingli sorgt für die Durchsetzung der Reformation in der Stadt Zürich, mit seinen Schriften prägt er nachhaltig die reformierte Konfession, wobei der Versuch die Reformation durch ein Bündnis zwischen Wittenberg und Zürich zu sichern, am sogenannten Abendmahls-Streit scheitert.

Mit dem Franzosen Johann Calvin (1509-1564), der eine Generation jünger ist, betritt ein Reformator die Bühne der Weltgeschichte, der für die Ausbreitung der Reformation zu einer bis heute zentralen Figur geworden ist.

 

Und wie verlief die Geschichte in Hagen? Hier konnte sich die Reformation erst langsam nach Luthers Tod durchsetzen, auch wenn seit 1539 der Herdecker Stiftpfarrer Dietrich Rafflenbeul, der in Hagen geboren war, lutherische Gottesdienste abhielt. Unter Pfarrer Johannes G. Wippermann (1524-1610) wurde die Hagener Gemeinde, zu der auch Vorhalle, Eppenhausen, Zugstraße, Haspe und Voerde gehörten, 1554 lutherisch, also vor 463 Jahren.

 

 

 

Autor: Dr. Norbert Friedrich

Eltern - Hans und Margarete Luder
Hans und Margarete Luder

Martin Luther – sein Leben

Das Leben des Reformators ist oft beschrieben worden – es ist reich an einigen bildstarken und großen Lebenswenden und Ereignissen.

Luther kommt am 10. November 1483 in Eisleben zur Welt, seine Eltern Hans und Margarete Luder (den Namen Luther nimmt er erst später an, wohl als Bekräftigung, dass er ein Eleutherius, ein Freier ist), kommen aus kleinen Verhältnissen, der Vater hat sich zum in der aufstrebenden Region des Mansfelder Landes zum Bergbauunternehmerhochgearbeitet. An den ältesten Sohn, das zweitälteste von insgesamt neun Kindern des Ehepaares stellt er große Erwartungen. So geht Martin Luther 1501 nach Erfurt und absolviert dort ein breit angelegtes Grundstudium, welches er 1505 mit einem Magister abschließt.

Auf Wunsch des Vaters beginnt er sofort mit dem Jurastudium, bevor ein einschneidendes Ereignis seinem Leben eine neue Richtung gibt. Bei einer Reise zu seinem Eltern erlebt Luther am 2. Juli 1505 bei Stotternheim nördlich von Erfurt unmittelbar einen Blitzeinschlag und gibt angesichts der Todesgefahr das Gelübde ab „Hilff du S. Anna, ich will ein monch werden.“ Gegen den Willen der Eltern tritt in das Augustiner-Eremiten Kloster in Erfurt ein. Luther ist ein ebenso suchender wie fleißiger Mönch, gefördert von seinem Lehrer und Beichtvater Johannes von Staupitz. Wittenberg wird sein Lebensort. Dort studiert er ab 1508 Theologie, dort erwirbt er 1512 einen theologischen Doktorgrad erworben wird im gleichen Jahr in Theologieprofessor für Bibelwissenschaft.

Als theologischer Lehrer und als Exeget beschäftigte sich Luther besonders mit den paulinischen Schriften, in dieser Zeit entwickelt sich seine Theologie der Rechtfertigungslehre. Eine öffentlichkeitswirksame Ablasskampagne, mit dessen Einnahmen u.a. der Bau des Petersdomes finanziert werden soll und die besonders der Mönch Johannes Tetzel erfolgreich vertritt, bringt Luther dazu, sich grundsätzlich mit der Frage des Ablasses und der theologischen Bedeutung der Gnade zu beschäftigen. Mit den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen gegen den Ablass (ob nun an die Schlosskirche genagelt oder nicht) kommt es zur „Initialzündung der Reformation“ (Thomas Kaufmann). Schnell verbreiten sich Luthers Ideen über gedruckte Flugschriften in Deutschland – die Reformation ist ohne diese Kommunikation nicht erklärbar.

Ab 1518 nehmen dann die Ereignisse einen immer schnelleren Lauf. Die katholische Kirche nimmt Ermittlungen wegen Ketzerei auf, bei einer Untersuchung in Augsburg weigert sich Luther seine Schriften zu widerrufen, vielmehr verschärft er seine Kritik, indem er u.a. den Papst nicht für unfehlbar hält. Gegen die für ihn immer bedrohlicher werdende Lage verfasst Luther im Jahr 1520 seine wichtigsten Schriften, er „schreibt um sein Leben“ (Thomas Kaufmann) und wird so zum Reformator, der mehr und mehr Anhänger gewinnt. Auf dem Wormser Reichstag im April 1521 weigert sich der bereits exkommunizierte Mönch in einer Legende gewordenen Szene, seine Schriften zu widerrufen – die Konsequenz ist die Reichsacht für ihn und seine Anhänger.

Sein Landesherr Friedrich der Weise lässt Luther zu dessen Schutz auf die Wartburg bringen, wo der Reformator als „Junker Jörg“ die nächsten 10 Monate zurückgezogen verbringt und das Neue Testament ins Deutsche übersetzt und damit eine Grundlage für unsere heutige Schriftsprache legt.

Im März 1522 kehrt er nach Wittenberg zurück, dort war es in seiner Abwesenheit zu Unruhe und Bilderstürmen gekommen. Mit einer berühmten Predigtreihe (Invokavitpredigten) stellt er die Ordnung wieder her. Ein für ihn auch persönlich einschneidendes Erlebnis ist sicher 1525 die Heirat mit der Nonne Katharina von Bora, das Ehepaar bekommt sechs Kinder, das Wohnhaus (das ehemalige Kloster Luthers) wird zu einem Zentrum der reformatorischen Bewegung.

Martin Luther stirbt am 18. Februar 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben, wohin gereist war, um Streitigkeiten zu schlichten. Er wird in der Wittenberger Schlosskirche beigesetzt.

 

Und was war neu bei Martin Luther, der doch eigentlich nicht erneuern wollte sondern zum Ursprung, zur Bibel zurückführen wollte?

Luther gelangte zu allen seinen theologischen Erkenntnissen aus dem Studium der Bibel, wobei gerade das Studium der paulinischen Schriften für ihn bedeutsam war. Der Mönch Luther hatte lange mit seinem Gottesbild und mit seiner Vorstellung für ein gottgemäßes Leben gerungen. Für Luther und viele seiner  Kollegen war jeder Mensch voll Schuld gegenüber Gott aber auch gegenüber allen anderen Menschen. Der vom Teufel verführte Mensch tat unablässig irgendetwas Böses, er sündigte – und dies stets auch aus eigener Verantwortung heraus – gegen die Gebote Gottes. Hier sah Luther eine für ihn existentielle Bedrohung, mit der er viele Jahre rang. Denn dem sündigen Menschen drohten – so die damalige Vorstellung – Höllenstrafen. Um diesen Strafen zu entgehen, bot die Kirche – die für sich in Anspruch nahm, Sünde erlassen und Gnade gewähren zu können – verschiedene Elemente an, religiöse und eher praktische wie Ablässe oder auch das Tun guter Werke (bis hin zu finanziellen Leistungen). Mit dieser Praxis setzte sich Luther in seinen Thesen von 1517 kritisch auseinander, zu diesem Zeitpunkt hatte er schon die Grundzüge seiner Theologie der Rechtfertigung für sich entwickelt. Er vertrat die Auffassung, dass Gott allen Menschen trotz aller Sündhaftigkeit vergebe, weil Jesus Christus durch den Tod am Kreuz für alle Menschen gestorben sei und somit alle Schuld vor Gott auf sich genommen habe. Der Mensch sei frei und gebunden zugleich, er sei, wie es in der berühmten Formel heißt, „simul iustus et peccator“ (Gerechter und Sünder zugleich). In einer seiner wichtigsten Schriften aus dem Jahr 1520 (Von der Freiheit eines Christenmenschen), stellt Luther die Freiheit in den Mittelpunkt seiner theologischen Überlegungen. Für ihn macht der Glaube frei, eine Freiheit die sowohl in einer tiefen Bindung an Gott getragen ist, die andererseits aber auch zu einer Aufgabe wird, der Mensch ist zur Nächstenliebe aufgerufen.


 

Literatur: Thomas Kaufmann, Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016 Heinz Schilling, Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 42016

 

Autor: Dr. Norbert Friedrich